Deutschlands erste Architekturschule für Kinder und Jugendliche: „Hinschauen und sich Einmischen“

Luise Lübke hat in Bremen Deutschlands erste Architekturschule für Kinder und Jugendliche gegründet.

Was sich zunächst sehr ungewöhnlich anhört, entpuppt sich als faszinierendes pädagogisches Konzept. Wir sprachen mit der Initiatorin:

Frau Lübke, was lernen die Kinder und Jugendlichen bei Ihnen?

Der BAUKASTEN-Architekturschule Bremen für Kinder und Jugendliche ist eine Nachmittagsschule, in der sich Kinder ab 6 Jahren spielerisch und experimentell mit Architektur, Stadtplanung und Design beschäftigen.

Dabei geht es um das Begreifen und Wahrnehmen räumlicher Strukturen, um Gestaltungsprozesse innerhalb unterschiedlicher Gesellschaften und um die kritische Auseinandersetzung mit stadträumlichen Gegebenheiten. Im Fokus steht der Modellbau. So erlernen Kinder nicht nur ihre Umwelt bewusst wahrzunehmen und ihren Blick auf vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu schärfen. Sie trainieren ihre motorischen Fähigkeiten, die Auseinandersetzung mit Materialien und können ihre theoretischen Kenntnisse aus der Schule (beispielsweise aus den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften oder Sachkunde) in praktische Arbeit umsetzen und ihre Fähigkeiten festigen.

Das Bauen ist ein natürlicher Drang des Menschen. Gerade Kinder begeben sich ständig in die Welt des Bauens und erschaffen Türme, Zelte, Burgen u.a. Der BAUKASTEN möchte diesen natürlichen Drang nutzen und mit spannenden Inhalten füllen. Wer findet es nicht reizvoll, einmal eine Ritterburg, sein Traumhaus oder eine Stadt der Zukunft zu bauen und gleichzeitig die praktische Arbeit in kulturhistorische, kunstwissenschaftliche oder sozialwissenschaftliche Zusammenhänge zu bringen? Im BAUKASTEN ist das möglich und zwar ganz automatisch ohne Lernstress.

Wie entstand die tolle Geschäftsidee zum Baukasten Bremen?

Die Idee eine Architekturschule für Kinder zu eröffnen entstand während meiner Abschlussarbeit im Studium an der Universität Bremen. Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema der Architekturvermittlung und erarbeitete in meiner Magisterarbeit ein Architekturvermittlungskonzept für Jugendliche.

Ich recherchierte nach weiteren Konzepten in Europa und stieß auf die in Europa einzige Architekturschule für Kinder. Sie befindet sich in Helsinki, Finnland und besteht bereits seit 18 Jahren. Nach Abschluss meines Studiums bin ich sofort nach Helsinki gereist, denn das Konzept hat mich sehr interessiert und begeistert.

Als ich wieder in Deutschland war, stand für mich fest, dass es ein ähnliches Modell unbedingt auch hier geben muss. Ich schrieb ein Geschäftsmodell für Deutschland und bin seitdem dabei, diese Idee zu etablieren.

Refinanziert sich die Schule rein über die Beiträge der Eltern, oder wird Ihre Einrichtung auch darüber hinaus gefördert?

Die Schule bietet sowohl Unterricht für Kinder vor Ort an – in diesem Fall zahlen die Eltern einen regelmäßigen Beitrag. Dies ist der Hauptertrag der Schule. Um Architektur allen Kindern zu ermöglichen, veranstaltet der BAUKASTEN auch Projekte an den Schulen. Diese Projekte werden über Fördergelder finanziert.

Die Geschäftsidee fand aber auch im Land Bremen so große Zustimmung, dass der BAUKASTEN im Rahmen des sogenannten Brut-Programmes des Landes Bremen, der Bremer Aufbau Bank und des EFRE-Programmes der EU finanziell und betriebswirtschaftlich gefördert wurde.

„Kinder sehen die Welt mit anderen Augen“, so titelte eine Zeitung über Ihr Projekt. Was sind Ihre Erfahrungen, wie können die jungen Schüler von der Architektur und zugehörigen Disziplinen profitieren?

Wie bereits in der ersten Frage ausgeführt, zielt der BAUKASTEN darauf ab, die Umweltwahrnehmung der Kinder zu schärfen. Wir bewegen uns tagtäglich durch Räume – den städtischen Raum, Privaträume, Zwischenräume. Der Mensch sehr zielgerichtet durch die Welt. Er nimmt die Dinge, die für ihn nicht wichtig sind auch nicht wahr. Das ist ganz normal.

Es lohnt sich aber einen Blick nach links oder rechts zu werfen. Architektur ist das geeignetste Feld, um deutlich zu machen, wie wir als Gesellschaft funktionieren und wir haben keinen oder nur sehr geringen Einfluss auf die Entwicklungen in der Stadt. Dabei müssen wir doch mit und in ihr leben. Im BAUKASTEN lernen die Kinder Verantwortung zu übernehmen für die Dinge, die um sie herum geschehen. Hinzuschauen und sich einzumischen. Denn Architektur ist auch eine politische Angelegenheit.

Ein Workshop im Baukasten Bremen

Kinder profitieren aber auch von den technischen und praktischen Herausforderungen. Die Zeit, die ein Kind vor dem Fernseher oder dem PC verbringt ist im Gegensatz zu der Zeit, in der es sich mit analogen Dingen beschäftig sehr hoch. 99% aller Kinder ab 10 Jahren besitzen einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer.

Kinder erlangen so neue Fähigkeiten – Fähigkeiten, die sie in der heutigen Zeit auch benötigen. Es gehen ihnen aber die ‚natürlichen’ Fähigkeiten wie z.B. Feinmotorik verloren. Die Auswirkungen sind fatal. Zudem profitieren die Kinder von einer besonderen Allgemeinbildung, die sie in keinem Kunstunterricht in der Schule erlernen. Sofern es diesen überhaupt noch regelmäßig gibt.

Nach welchen Methoden wird im Baukasten unterrichtet, und welche Art von Lehrkräften vermittelt die Freude an der Konstruktion und der Gestaltung?

Im BAUKASTEN wird Projektunterricht angeboten. Die Kinder setzen sich über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten hinweg mit einem speziellen Feld aus den genannten bereichen auseinander. Insofern handelt es sich hierbei um einen reformpädagogischen Ansatz.

Es geht nicht darum, Kindern eindimensionale Lösungen für ein gestelltes Problem zu liefern. Kinder sollen selbst zu Lösungen finden und dabei unterschiedlichste Erfahrungen sammeln. Geplant ist es ein Team auf die Beine zu stellen, Fachleute, die die Inhalte mit Spaß und Freude vermitteln.

Im Moment unterhält der BAUKASTEN Kontakte zu einer Architektin, einem Bühnenbildner und einem Architekturmodellbauer. Diese Fachkräfte oder auch andere wie z.B. Stadtplaner besuchen den BAUKASTEN und vermitteln den Kindern den professionellen Input, den sie für ihre Projektarbeit brauchen. Im Moment bin ich als Gründerin auch die Hauptvermittlerin und stehe den Kinder mit Rat und Tat zur Seite.

Sie wünschten sich mit Bremen einen „einzigartigen Standort in Deutschland“. Gibt es dennoch eine kleine Chance, dass irgendwann auch Eltern und Kinder aus anderen Regionen von Ihrer Idee profitieren können?

Sollte die Geschäftsidee Fuß fassen, ist es geplant in weiteren Städten des Nordwestens Dependenzen zu eröffnen. Natürlich würde ich gern das ganze Land mit meiner Idee besiedeln, aber das ist noch Zukunftsmusik.

Ein paar Worte zur Ihnen und Ihrem Werdegang?

Luise Lübke

Ich bin 1978 in Berlin geboren. Bin verheiratet und habe zwei Töchter. Ich komme aus einer Architektenfamilie.

Mein Großvater Hermann Henselmann war Chefarchitekt Ost-Berlins. Architektur war und ist damit ein ständiger Begleiter meines Lebens. Noch in Berlin, habe ich für den Bund Deutscher Architekten LV Berlin gearbeitet und den Architekturpreis Berlin 2000 und 2003 mit organisiert.

2004 bin ich nach Bremen gezogen und habe dort Kulturwissenschaft, Kunstwissenschaft und Soziologie studiert. Mein Studienschwerpunkt lag in den Bereichen Kulturgeschichte und kulturelle Öffentlichkeit. Abschluss zur Magistra Artium 2010. Februar 2011 bis Februar 2012 Teilnehmerin des Brut-Programmes. Im Mai 2011 Gründung des BAUKASTEN-Architekturschule Bremen für Kinder und Jugendliche.

Im Moment bin ich auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für meine Schülerinnen und Schüler, die ab Mai 2012 den BAUKASTEN regelmäßig besuchen dürfen.

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