Digitale Gesundheit in Deutschland – ein Paradies für Gründer?

Healthcare-Startups für mehr Gesundheit

Fachbeitrag von Johannes Bittner, Arzt und Sozialunternehmer:

Da passiert doch was in der Healthcare-Szene: Alle reden nicht nur von Fitness-Apps, Health Kits und elektronischer Gesundheitsakte – sie sind sich auch sicher, dass diese Themen die Zukunft der Gesundheitswelt sind.

Doch Vorsicht: Das klassische deutsche Gesundheitssystem, in dem jedes Jahr über 400 Milliarden Euro ausgegeben werden, hat mit dieser digitalen Vision seiner selbst noch nicht viel zu tun.

Die Challenge: Revolution vs. Tradition

Startups aus dem Gesundheitswesen zaubern fabelhafte Ideen an die Oberfläche: Hier entstehen Online-Marktplätze für weltweite Krankenhausbehandlungen, dort To-do-Apps für die Bewältigung der alltäglichen Gesundheitsaufgaben, an anderer Stelle Kataloge, die online klinische Studien mit potenziellen Teilnehmern matchen.

Diese Startups sind auf einem guten Weg, denn sie revolutionieren heimlich das Gesundheitsverhalten ihrer Nutzer.

Doch auf der anderen Seite: Arztpraxen, Kliniken, Apotheken. Und alle in einem stabilen Gesundheitssystem, in dem Prozeduren und Kommunikation scheinbar unverändert gut funktionieren und vor allem unumstößlich sind. Eine andere Welt, die mit revolutionären Healthcare-Startups nicht viel gemein hat.

Die beiden Parallelwelten zu verbinden wird bei der Digitalisierung unseres Gesundheitsverhaltens die größte Herausforderung sein: Patienten werden zukünftig nicht zu ihrem Arzt gehen oder sich im Internet informieren.

Sie werden – und sollen – sich bereits vor ihrem Arztbesuch mit dem Arzt austauschen, Gesundheitsdaten erfassen und Informationen sammeln. Und chronisch Kranke werden und müssen langfristig ergänzend zum persönlichen Arztkontakt auch digital mit Medizinern kommunizieren.

Die Chance

Die Entwicklung, die in der Digitalisierung unseres Gesundheitswesens zu beobachten ist, hängt der öffentlichen Meinung zufolge etliche Jahre hinter dem her, was wir aus anderen Wirtschaftssektoren kennen.

Das ist schade für das Gesundheitswesen, aber eine spannende Chance für Gründer: Denn hier können wir von anderen Startups und Entwicklungen lernen. So wird es zukünftig sicherlich ein Lieferando für Medikamente geben – es finden sich unzählige Beispiele für bereits etablierte Lösungen, die sich in den Gesundheitssektor übertragen lassen.

Und auch der oft zitierte Blick über den Tellerrand, in diesem Fall über die Ländergrenzen hinaus, zeigt auf, wie Digital Health gelingen kann: In Dänemark hat sich zum Beispiel bereits eine digitale Gesundheitsakte für jeden Bürger etabliert, auf die sowohl die Bürger als auch Ärzte und Kliniken Zugriff haben.

Bleibt die Frage offen, wie die Schnittstelle zwischen klassischem Gesundheitssystem und der Digital-Health-Welt funktionieren kann. Ein gutes Beispiel stellt vitabook dar: Hier können Patienten bereits heute ein webbasiertes Gesundheitskonto pflegen, auf das dann auch Ärzten Zugriff gewährt werden kann.

Es ist allerdings derzeit bei diesem wie auch vielen weiteren Projekten ein langsames Herantaten an Lösungen, die Akzeptanz sowohl bei den Endnutzern als auch bei medizinischem Personal finden müssen.

Warum im Gesundheits-Sektor gründen?

Weil hier der Bedarf nach innovativen Lösungen am größten ist. Und damit auch das Potenzial für eine erfolgreiche Gründung.

Denn – es liegt auf der Hand – der Markt ist riesig: Jeder Deutsche ist entweder Patient, oder er möchte verständlicher Weise verhindern, einer zu werden.

Die Gesundheit ist uns allen ziemlich viel Wert – sowohl die Erhaltung, als auch die Wiederherstellung.

Und auch wenn die Zahlungsbereitschaft im Internet zu wünschen übrig lässt, so ist sie doch höher als in unserem klassischen Gesundheitssystem, wo wir nicht gewohnt sind, für irgendeine Leistung bezahlen zu müssen.

Außerdem sind der 4. Nationalen E-Patient-Survey aus diesem Jahr zufolge drei Prozent der Online-Nutzer bereit, 40 bis 60 Euro pro Monat für einen Webservice zu bezahlen, der bei einer gesunden Lebensweise unterstützt.

Und der Zeitpunkt scheint ebenfalls besser denn je zu sein: Als Gründer mit einer guten Lösung für ein Problem in unserem Gesundheitssystem wird man nicht mehr als revolutionärer Spinner angesehen, sondern von vielen Institutionen auf Händen getragen: Krankenkassen suchen derzeit ebenso nach innovativen Konzepten wie Kliniken und Pharmaunternehmen. Wer mit seiner Idee schon in einer frühen Phase auf die großen Player zugeht, gewinnt mit einem Quäntchen Glück also schnell starke Partner.

Nicht außer Acht lassen darf man bei Gründungen im Gesundheits-Sektor das Potenzial wirkungsorientierter Ansätze. Bevor man also über Monetarisierungswege und gute Geschäftsmodelle nachdenkt, sollte man sich die drei großen Fragen stellen:

  • „Warum“ biete ich eine bestimmte Leistung oder ein Produkt an?
  • „Wie“ erreiche ich dieses „Warum“?
  • Und erst zuletzt: „Was“ ist dieses Produkt oder diese Leistung konkret?

Zusammenfassung

Auch im Healthcare-Sektor bekommt man sicherlich nichts geschenkt. Und die Anzahl der Gesundheits-Startups sorgt mittelfristig mit Sicherheit auch für eine belebende Konkurrenz.

Dennoch stehen alle Ampeln auf grün: Wer sich also mit einer Idee herumtreibt, die den Gesundheitsmarkt ordentlich aufmischen könnte, sollte nicht lange zögern. Und wie immer gilt: Man kann nicht groß genug denken.

Zum Abschluss noch ein kleines Experiment für all diejenigen, die sich sicher sind, gründen zu wollen, aber noch ohne passende Idee sind: Geht in eine Arztpraxis (oder begleitet einen Angehörigen, falls ihr momentan selbst nicht krank seid) und schaut euch mit offenen Augen um.

Dann ist garantiert: Ihr werdet euch nicht retten können vor Einfällen und Gedanken, an welchen Ecken und Enden Digital Health das Gesundheitswesen revolutionieren kann und muss!

Autorenprofil:

Jutta Rodriguez von text-trefferJohannes Bittner ist Arzt und Sozialunternehmer. Als Mitgründer des Übersetzungsdienstes für medizinische Befunde „Was hab’ ich?“ hat er die Hürden eines medizinischen Startups kennengelernt.

Johannes schreibt in seinem neuen Blog Healthcare Startups Deutschland über Gründungen und Hintergründe aus dem inländischen Gesundheits-Sektor.

Weitere Informationen zum Autor finden Sie unter: http://healthcare-startups.de

 

1 Kommentar zu "Digitale Gesundheit in Deutschland – ein Paradies für Gründer?"

  1. Ein interessanter Beitrag über die digitale Gesundheit und die möglichen Entwicklungen. Was in einigen Ländern, wie in Dänemark, schon funktioniert, wird in Deutschland (glaube ich) noch Zeit in Anspruch nehmen. Man schaue sich einfach nur mal an, wie lange es gedauert hat bis die elektronische Gesundheitskarte eingeführt wurde und beachte dabei, dass lt. Gesetz das eigentlich schon bis 2006 erfolgen sollte.
    Aber die digitale Gesundheit bietet viele Möglichkeiten.
    Gruß

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